Lust auf einen Besuch im Hermann-Hesse-Museum in Calw?
Die „schönste Stadt von allen“ gibt ihrem Sohn die Ehre
Es war der Künstler selbst, der seinen Geburtsort Calw so schwärmerisch als "schönste Stadt" umschrieben hat. Und dabei handelt es sich um keinen geringeren als Hermann Hesse, Träger des Literatur-Nobelpreises und einer der meistgelesenen deutschen Autoren überhaupt. Kein Wunder also, dass man dort gerne zeigt, welch großen Sohn das Städtchen im Schwarzwald hervorgebracht hat. Gleich ein ganzes Palais, das historische Stadtpalais „Haus Schüz“, haben die Calwer ihm gewidmet und dort das Internationale Hermann-Hesse-Zentrum eingerichtet.
Hermann-Hesse-Zentrum
Vom Foyer bis unters Dach dreht sich hier alles um das Leben und Werk des berühmten Calwers. So ist das Zentrum nicht nur eine wahre Fundgrube für bis zu 10000 Besucher pro Jahr, sondern auch kompetente Anlaufstelle für Fachleute aus aller Welt. Wahrscheinlich wäre sogar Hesse selbst erstaunt darüber, was emsige Sammler so alles über ihn zusammengetragen haben. Gleich drei Bereiche befinden sich im Zentrum: Im Dachgeschoss lagert das nicht öffentlich zugängliche Hermann-Hesse-Archiv. Im ersten Stock kann man in der interaktiven Dauerausstellung "WeltFlechtWerk" erleben, wie aktuell Hesses Arbeiten auch heute noch sind.
Hermann-Hesse-Museum
Das Glanzstück aber wartet im zweiten Stock auf die Besucher von nah und fern: das Hermann-Hesse-Museum. Als Teil des internationalen Zentrums ist es weit über die Grenzen Deutschlands bei Hesse-Liebhabern und Fachleuten bekannt. Und es kann auch schon mal vorkommen, dass man darin auf ein chinesisches Fernsehteam trifft, das einen Film über den berühmten Schriftsteller dreht.
Das Museum wurde 1990 von Volker Michels eingerichtet, dem Herausgeber Hesses im Suhrkamp Verlag. Was Michels hier geschaffen hat, ist tatsächlich einmalig, denn es ist weltweit die umfangreichste Sammlung über Hermann Hesse. Darunter befinden sich auch einige echte Raritäten wie Kleidungsstücke des Künstlers, Erstausgaben seiner Werke oder die Urkunde, die Hesse anlässlich der Verleihung des Literaturnobelpreises verliehen wurde.
Jeder Raum ist mit viel Liebe zum Detail einer Lebensstation des Künstlers gewidmet. Die vielen Fotos, handschriftlichen Dokumente und persönlichen Gegenstände erwecken oft den Eindruck, als sähe man ihm direkt über die Schulter bei seiner persönlichen und schriftstellerischen Entwicklung. Wer des Deutschen nicht mächtig ist, kann sich dabei einen Audioführer auf Englisch oder auch Japanisch zu Hilfe nehmen.
Machen wir uns also auf den Weg
Die Reise auf den Spuren des Künstlers beginnt bei seiner Herkunft aus einer Missionarsfamilie und führt durch seine Jugend- und Ausbildungszeit weiter zu seinen Anfängen als Schriftsteller und der Gründung einer eigenen Familie. Ein handgeschriebenes Manuskript im Original zeugt dabei von Hesses ersten literarischen Versuchen im Alter von 10 Jahren. Nebenan steht eine Vitrine mit Hesses Schreibutensilien. Feder und Tinte sind abgelegt, als hätte der Schriftsteller hier eben noch gearbeitet. Darüber thront ein altertümlich wirkendes Porzellangeschirr für Schreibgeräte, das Hesse von seinen Eltern geerbt hat. Die Aufschrift „Was man schreibt, das immer bleibt“ lässt etwas von dem Geist erahnen, der im Hause Hesse geweht haben muss.
Es folgen die Jahre des ersten Weltkrieges mit dem Verbot seiner kriegskritischen Publikationen, dann die Umsiedlung Hermann Hesses in‘s Tessin und der Beginn seiner Psychoanalyse.
Hesse privat
Zeitungsausschnitte mit Hesse-Artikeln und Beispiele aus seinen Werken zeichnen ein anschauliches Bild des Schriftstellers und Publizisten Hesse. Die Ausstellung zeigt aber vor allem auch den Privatmann Hesse und hier besonders die Bedeutung der über 35.000 Briefe, die Hesse von frühester Jugend an verfasste. Neben der Schriftstellerei waren sie für Hesse ein wichtiges Mittel um sich auszudrücken und mit seinen Mitmenschen in Kontakt zu treten. Beim Schmökern in den vielen ausgestellten Originalen können die Besucher hautnah daran teilnehmen, was Hesse zur jeweiligen Zeit bewegte. Denn er schildert darin eindrucksvoll seine inneren Nöte und Selbstzweifel, übt aber auch immer wieder Gesellschaftskritik. Dabei fällt auf, wie eng Privates und Offizielles bei Hesse oft verbunden sind und was er gemeint hat mit seiner Forderung nach „Zeitkritik durch Selbstkritik“.
Der späte Hesse
Der letzte Raum widmet sich den späten Arbeiten, seiner zweiten und dritten Ehe und seiner Literaturkritik während der Nazi-Zeit. Wer Hesse bisher nur aus dem Deutschunterricht kannte, kann hier viel Neues und Interessantes entdecken. Hätten Sie zum Beispiel gewusst, dass Hesse auch ein begnadeter Maler war? Zahlreiche farbenfrohe Aquarelle des Künstlers im Original zeugen von seinem Talent. Und auch der begeisterte Gärtner Hesse bekommt hier seinen angemessenen Platz.
Und sonst?
Ein weiterer Raum ist den vielfältigen Veröffentlichungen Hesses gewidmet. Hier sind zahlreiche seiner Bücher und deren Übersetzungen ausgestellt, weitere Briefe und einige seiner Arbeiten als Herausgeber. Darüber hinaus bietet die Lese-Bibliothek des Museums die Möglichkeit, in verschiedene seiner Werke hinein zu schmökern. In mehreren Sprachen versteht sich, schließlich wurden seine Arbeiten in mehr als 60 Sprachen übersetzt. Und wer will, kann sich sogar vom Künstler selbst aus seinen Werken vorlesen lassen. In einem eigenen Raum stehen dazu Tondokumente Hesses zur Verfügung. Ein spannendes Erlebnis, bei dem der unverkennbar schwäbische Akzent des Künstlers bestimmt schon so manchen Besucher zum Lächeln gebracht hat.
Vor dem Hinausgehen kann man sich im Foyer des Museums noch die halbjährig wechselnde Sonderausstellung ansehen. Sie widmet sich jeweils einem bestimmten Schwerpunkt aus Hesses Werk.
Wer am Ende der Reise Lust bekommen hat, noch mehr von oder über Hesse zu lesen, der kann im Museumsshop gleich die passende Lektüre erwerben. Und sollten noch Fragen offen sein, so ist die Museumsaufsicht gerne zu einem kleinen Plausch bereit ist.
Wissenswertes über Hermann Hesse und das Museum
Sein Leben in Kürze
- 1877geboren in Calw als Sohn einer Missionarsfamilie
- 1899 Veröffentlichung des ersten Romans („Schweinigel“)
- 1912 verlässt Hesse Deutschland und zieht nach Bern
- 1919 Übersiedlung nach Montagnola/Tessin, wo er bis zu seinem Tod im Jahr 1962 lebt. Hier beginnt Hesse neben der Schriftstellerei mit dem Aquarellmalen
1946 erhält Hermann Hesse den Literaturnobelpreis.
Er war drei Mal verheiratet und hatte drei Söhne.
Von ihm stammen über 50 Romane und Erzählungen, 600 Gedichte und über 35000 Briefe. Außerdem zahlreiche Aquarelle.
Obwohl schon zu Lebzeiten erfolgreich, erlangte er erst nach seinem Tod weltweite Berühmtheit, vor allem in den USA und Japan. Bis heute sind ca. 100 Millionen Hesse-Bücher verkauft worden, davon ein Drittel in deutscher Sprache, der Rest in ca. 60 verschiedenen Fremdsprachen.
Seine berühmtesten Werke:
Peter Camenzind, Unterm Rad, Demian, Siddhartha, Steppenwolf, Narziß und Goldmund, Die Morgenlandfahrt, Das Glasperlenspiel.
Wer mehr wissen will: www.hermann-hesse.com, www.hhesse.de
Hermann Hesse-Museum
Adresse
Marktplatz 30, D-75365 Calw
Hermann-Hesse-Museum@calw.de
www.hermann-hesse.com, www.calw.de
Öffnungszeiten
April bis Oktober: Di bis So 11.00 - 17.00 Uhr
November bis März: Di bis So 14.00 - 17.00 Uhr
(Geschlossen: Karfreitag, Heilig Abend, 1. Weihnachtsfeiertag, Silvester)
Auskünfte
Tel.: (0 70 51) 75 22 (während der Öffnungszeiten)
oder bei Paul Rathgeber (Museumsleiter): Tel.: (0 70 51) 167-260
Eintrittspreise
Erwachsene: 5,- €, ermäßigt: 3,- €
Gruppen (ab zehn Personen) pro Person während der Öffnungszeiten: 3,- €
außerhalb der Öffnungszeiten für Erwachsene: 5,- €, ermäßigt 3,- €
Führungen
Gruppen ab zehn Personen nach vorheriger Anmeldung






Erik Preusker
Invite as author
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