Die Yoga-Sutras des Patanjali I/1 - 12
Erstes Kapitel
Samadhi Pada
I/1. atha yoga-aanushaasanam
Nun die Lehre des Yoga.
I/2. yogash chitta–vritti–nirodhah
Yoga ist die Stillegung der Gedankenbewegungen.
Allerdings werden wir entdecken, dass es gar nicht so einfach ist, seinen Denkprozess zu beruhigen oder gar stillzulegen. Wenn man sich ruhig hinsetzt, die Augen schließt und darauf achtet, was sich alles in einem abspielt, dann wird man sehen, dass man weit davon entfernt ist, wirklich zur Ruhe zu kommen. Die Gedanken springen munter vor sich hin und wenn man anfangs noch überzeugt gewesen sein mag, dass man ja nur deshalb denkt, weil man denken möchte, dann lassen sie es doch einfach bleiben...
Und man stellt ebenso fest, dass diese Gedankenbewegungen ein Eigenleben führen, das in ganz erstaunlichem Ausmaß unserem Willen entzogen bleibt. (s. auch III/47 u. IV/4). Dies zu erkennen, ist ein entscheidender erster Schritt. Dann haben sie die Möglichkeit, zu erkennen, dass sie sich beim Denken beobachten können: Sie haben den ersten Kontakt zu der Instanz in sich aufgenommen haben, die beobachtet – die außerhalb der Gedankenbewegungen steht und ihrem wahren innerem Selbst weit näher steht, als die flimmernden Gedankenbewegungen.
Um nichts anderes geht es bei der Meditation: In diesem inneren Selbst zu verweilen.
(S. auch: IV/18 – IV/20)
I/3. tadaa drashtuh swaruupe’ vasthaanam
Dann ruht der Sehende in seiner wahren Natur.
Die „wahre Natur“ ist das Selbst. Dagegen ist das Ich die Handlungseinheit in dieser Welt. Das Ich ist das, was geboren wird und stirbt und wovon uns zeitlebens eingeredet wird, es wäre alles, was uns ausmacht. Doch schon wenig Erfahrung mit der Meditation genügt, um uns von diesem Glauben zu befreien. Und diese Befreiung ist dann nichts, woran man „glauben“ muss – wir wollen ja nicht den einem Glauben gegen den nächsten austauschen – das Erkennen des Selbst, der „wahren Natur“ ist eine Erfahrung jenseits aller religiöser Theorien, die keiner Diskussion bedarf. Und diese Erfahrung befreit von zahllosen Ängsten, die direkt aus der völligen Identifikation mit dem bedrohtem, sterblichen Ich entstehen.
I/4. vritti saaruupyam itaratra
Sonst identifiziert er sich mit den Bewegungen (der seelischen Welt).
„Der verkörperte Geist hat das weltliche Leben viele, viele Geburten lang erlebt.
Es ist deshalb nur natürlich, wenn seine Einstellung ebenso weltlich geworden ist.
Es ist das wahre Ziel des Lebens, den Geist von den Verhaftungen an diese Welt zu lösen.
Wenn sich jemand in der spirituellen göttlichen Praxis übt, an Ihn denkt und über Ihn redet, dann wird sein Geist beginnen, im Göttlichen zu ruhen und sich von ganz allein vom weltlichen Leben lösen.“
Swami Brahmananda Saraswati
I/5: vrittayah pañchatayyah klishtaa-aklishtaah
Von den fünf Arten der Gedanken-Bewegungen (vritti) sind einige leidvoll und einige nicht.
I/6: pramaana–viparyaya–vikalpa–nidraa–smritayah
(Die fünf Arten der Gedankenbewegungen sind) Richtige Erkenntnis, Irrtum, Einbildungen, Schlaf und Erinnerung.
I/7: pratyakshaa-anumaanaa-agamaah pramaanaani
Unmittelbare Wahrnehmung, (logische) Folgerung und der Inhalt der Schriften bilden die richtige Erkenntnis.
I/8: viparyayo mithyaa–jñaanam atadruupa–pratishtham
Irrtum ist falsches Wissen, gegründet auf Unwirkliches.
I/9: shabda–jñaanaa-anupaatii vastu–shuunyo–vikalpah
Wer dem bloßem Wort-Wissen folgt, das nicht in der Wirklichkeit begründet ist, folgt lediglich seiner Einbildung.
I/10: abhaava–pratyaya-aalambanaa vrittir nidraa
Die Abwesenheit von Inhalten im Geist wird Schlaf genannt.
I/11: anubhuuta–vishayaa-asampramoshah smritih
An den Erfahrungen festzuhalten, wodurch die Eindrücke nicht schwinden, nennt man Erinnerung.
I/12: abhyaasa–vairaagyaabhyaam tan–nirodhah
Die Stillegung der Gedankenbewegungen erreicht man durch Übung und Nicht-Verhaftetsein an die Dinge.





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