Zweites Kapitel
Sadhana Pada
II/1: tapah-svaadhyaaya-ishwara-pranidhaanaani kriyaa-yogah
Selbsdisziplin, das Studium der heiligen Schriften und die Hingabe an Gott bilden den Yoga der heiligen Handlungen.
Mit Kriyas sind immer Handlungen gemeint, die Teil des Weges zur Befreiung sind, im Gegensatz zum Wort Karma, das Handlung jeglicher Art bezeichnet (und oft als Schicksal oder Bestimmung übersetzt wird, im Sinne von: Die Frucht der Handlungen aus der Vergangenheit zu ernten).
So sind Kriyas im Hatha-Yoga körperliche Übungen, im Kundalini-Yoga ist es das Wirken der Kundalini-Shakti (der feinstofflichen Energie) und im Kriya-Yoga des Yogananda sind es Atemübungen kombiniert Übungen zur Kontrolle der Kundalini-Shakti. Auf dem Weg des Bhakti-Yoga sind die Kriyas die Rituale zur Verehrung der Gottheit.
Der Kriya-Yoga Pfad des Patanjali hat die drei Elemente Selbstdisziplin, das Studium der heiligen Schriften und die Hingabe an die Gottheit.
II/2: samaadhi-bhaavana-arthah klesha-tanuukarana-arthash cha
(Der Pfad des Kriya-Yoga) reduziert die Plagen („Kleshas“, die Quellen des Leidens) und führt zum Samadhi.
Kleshas: Das Wort kommt von der Wurzel klish: gequält sein, traurig sein. Klishta als Adjektiv bedeutet: verblaßt, bekümmert, verdorben, geschwächt, abgenutzt, ermüdet, verbraucht.
Die im Text erwähnten Kleshas sind all das, was uns bedrängt, bedrückt, schwächt, unsere Lebenskraft herabsetzt, uns auslaugt und plagt – deshalb auch das Wort „Plage“ in der Übersetzung. Die Kleshas sind aber auch alles, was uns querliegt, was uns innerlich bedrängt. (s. auch: II/12; I/24)
II/3: advidya-asmita–raaga–dvesha-abhiniveshah kleshah
Die Plagen: Nichtwissen, das Beharren auf dem „Ich“, Zuneigung und Abneigung sowie die Furcht vor dem Tod.
II/4: avidyaa kshetram uttareshaam prasupta-tanu-vicchhinna-udaaraanaam
Nichtwissen ist der Nährboden der anderen, ob sie nun schlummernd, sublimiert, verdrängt oder in voller Aktivität sind.
II/5: anitya-ashuchi-duhkha-anaatmasu nitya-shuchi-sukha-aatma-khyaatir avidyaa
Nichtwissen ist: Im Vergänglichen das Ewige, im Unreinen das Reine, im leidvollem Gehemmtsein das Lustvolle und im Gefangensein im Ich das Selbst zu sehen.
II/6: drig-darshana-shaktyor ekaatmat ivaa asmitaa
Das „Gefangensein im Ich“ entsteht aus der Identifikation des unmittelbar wahrnehmenden Geistes mit dem mittelbar wahrnehmenden Geist.
Die „drig-shakti“ ist Purusha, das Selbst; die „darshana-shakti“ der Geist, der die Wahrnehmung der Welt hat. Der Purusha ist reiner Geist, er hat die umfassende Schau der Dinge. Doch er läßt sich auf das Spiel der Welt ein und benutzt zur Wahrnehmung der Welt die Funktionen des begrenzten Geistes, des Intellekts. Die alleinige Identifikation mit den Funktionen des Intellekts zwingt uns in die „Gefangenschaft des Ich“. (s. auch: IV/18)
II/7: sukhaa-anushayii raagah
Zuneigung ist Begleiter der Freude.
II/8: duhka-anushayii dveshah
Abneigung ist der Begleiter des Leides.
II/9: sva-rasa-vaahii vidusho’ pi tathaa ruudho’ bhiniveshah
Der Lebenswille strömt auf seine eigene Kraft gestützt dahin und beherrscht sogar den Wissenden.
II/10 : te pratiprasava-heyaah suukshmaah
Sie (die Kleshas, die „Quellen des Leidens“) in ihrer subtilen Form werden durch das Eintauchen in den Urzustand aufgelöst.
Die subtilen Formen der Kleshas in den Tiefen des Un- und Unterbewußten, die noch nicht offenbar geworden sind – und in uns schlummern, bis sie durch äußere Ereignisse erweckt werden –, sie können nur durch das Eintauchen in den Samadhi gelöst werden.
II/11: dhyaana-heyaas tad-vrittayah
Durch Meditation werden die Gedankenwellen (also die schon wirkenden Kleshas) aufgelöst.
II/12: klesha-muulah karma-aashayo drishta-adrishta-janma-vedaniiyah
Das in den Kleshas keimhaft ruhende Handeln (Karma) muss in den Leben in der physischen oder der feinstofflichen Welt ausgearbeitet werden.
II/13: sati muule tad-vipaako jaaty-aayur-bhogaah
Sind die Wurzeln vorhanden, ist auch die daraus reifende Frucht da, also Geburt, Leben und das Erfahren der Welt.
II/14: te hlaada-paritaapa-phalaah punya-apunya-hetutvaat
Die Welterfahrung ist Freude oder Leid – beides sind die Früchte von Verdienst und Schuld aus vergangenen Taten.
II/15: parinaama-taapa-samskaara-duhkhair guna-vritti-virodhaach cha duhkham eva sarvam vivekinah
Für den Erkennenden ist alle Welterfahrung leidvoll – die widersprüchlichen Bewegungen der Naturkräfte ebenso wie die schmerzbehafteten Hemmungen der inneren Wirkkräfte.
„Dieser Welt, diesem Tummelplatz gequälter und geängstigter Wesen, welche nur dadurch bestehen, dass eines das andere verzehrt, wo daher jedes reißende Tier das lebendige Grab tausend anderer und seine Selbsterhaltung eine Kette von Martertoden ist, wo sodann mit der Erkenntnis die Fähigkeit Schmerz zu empfinden wächst, welche daher im Menschen ihren höchsten Grad erreicht und einen um so höheren, je intelligenter er ist, — dieser Welt hat man das System des Optimismus anpassen und sie als die beste unter den möglichen andemonstrieren wollen. Die Absurdität ist schreiend.
Inzwischen heißt ein Optimist mich die Augen öffnen und hineinsehen in die Welt, wie sie so schön sei, im Sonnenschein mit ihren Bergen, Tälern, Strömen, Pflanzen, Tieren usf. – Aber ist denn die Welt ein Guckkasten? Zu sehen sind diese Dinge freilich schön, aber sie zu sein ist ganz etwas anderes.“
Arthur Schopenhauer
[ Handschriftlicher Nachlass III, Seite 172]
OM





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