Die Yoga-Sutras des Patanjali III/34 - 43

Drittes Kapitel: Vibhuti Pada / Die geistigen Kräfte


Die Yoga-Sutras des Patanjali  III/34 - 43


III/34: hridaye chitta-samvit

(Durch die Anwendung des Samyama) auf das Herz-Zentrum erlangt man das Wissen um die inneren geistigen Funktionen.


Dazu sagt Ramana Maharshi:

F: Shri Bhagavan spricht vom Herzen als dem Sitz des Bewußtseins und als identisch mit dem Selbst. Was bedeutet hier das Herz?

A: Benennen Sie es mit jedem beliebigen Namen, Gott, Selbst, Herz oder Sitz des Bewußtseins, es ist alles das gleiche. Was man erfassen muß, ist, daß das Herz der Kern unseres Seins ist, das Zentrum, ohne das es nichts gibt.

Das Herz ist nicht körperlich, sondern spirituell. Hridayam (Herz) ist gebildet aus hrit und ayam, was bedeutet «Dies ist das Zentrum ». Es ist das, aus dem die Gedanken entstehen, in dem sie verbleiben und in dem sie sich auflösen. Die Gedanken sind der Inhalt des Geistes, und sie schaffen das Universum. Das Herz ist das Zentrum von allem. Die Upanischaden nennen das, woraus die Wesen hervorgehen, Brahman. Brahman ist das Herz.

F: Wie verwirklicht man das Herz?

A: Es gibt niemanden, der auch nur für einen Augenblick das Selbst nicht erfährt. Niemand kann zugeben, daß er je von seinem Selbst getrennt ist. Er ist das Selbst. Das Selbst ist das Herz. Das Herz ist das Zentrum, aus dem alles entsteht. Weil Sie die Welt, den Körper usw. sehen, sagt man, daß es ein Zentrum dafür gibt, das man das Herz nennt. Sind Sie im Herzen, dann wissen Sie, daß das Herz weder der Mittelpunkt noch der Umfang ist. Es gibt nichts getrennt von ihm. Das Bewußtsein, das die wahre Existenz ist und nicht hinausgeht, um Dinge zu erkennen, die nicht das Selbst sind, das ist das Herz. Da die Wahrheit über das Selbst nur diesem Bewußtsein bekannt ist, das frei ist von Aktivität, ist dieses Bewußtsein, das stets nur des Selbst gewahr ist, das Leuchten klarer Erkenntnis. [8]


III/35: sattwa-purushayor atyanta-aasamkirnayoh pratyaya-aavishesho bhogah paraartha-anya-svaartha-samyamaat purusha-jnaanam

Das innere Selbst (der Purusha) und das Materielle sind ewig unvermischt. Man erfährt die Welt, indem man diese beiden im Bewusstsein nicht zu trennen vermag. Durch die Anwendung des Samyama auf den Zweck der Welterfahrung für den Purusha und den Zweck der Welterfahrung für die Wandlungen des Materiellen erhält man das Wissen um den Purusha.

III/36: tatah praatibha-shraavana-vedana-aadarsha-aasvaada-vaartaa jaayante

Daraus entwickelt sich das ‚Entgegen-Leuchten’ (entsteht ein inneres Aufleuchten) begleitet von transzendendalem Hören, Tasten, Sehen, Schmecken und Riechen.


III/37: te samaadhaau upasargaa vyutthaane siddhayah

Diese Kräfte erwachen als Vollkommenheiten, sind aber Hindernisse beim Erreichen von Samadhi.


III/38: bandha-kaarana-shaithilyaat prachaara-samvedanaach cha chittasya para- shariira-aveshah

Durch das Lösen der Ursache der Bindung und das Wissen um die (feinstofflichen) Kanäle kann der Geist Eingang in den Körper eines anderen finden


III/39: udaana-jayaaj jala-panka-kantaka-aadishu asanga utkraantish cha

Durch die Meisterung des Udana (-Prana) erlangt man die Fähigkeit, nicht im Wasser, Schlamm oder an Dornen usw hängenzubleiben und die Fähigkeit zur Levitation.


III/40: samaana-jayaat prajvalanam

Durch Meisterung des Samana (-Prana) entsteht das Leuchten des Körpers.


III/41: shrotra-aakaashayoh sambandha-samyamaad divyam shrotram

Durch die Anwendung des Samyama auf die Beziehung zwischen dem Raumäther und dem Hören erlangt man das göttliche Gehör.


III/42: kaaya-aakaashayoh sambandha-samyamaal laghu-tuula-samaapattesh cha aakaasha-gamanam

Durch die Anwendung des Samyama auf die Beziehung des Körpers zum Raumäther und die Vergegenwärtigung der Leichtigkeit von Baumwolle vermag man im Raumäther zu wandeln.

Der Körper besteht nicht nur aus der grobstofflichen Substanz, sondern wird durchdrungen von einem feinstofflichen Körper, der zur feinstofflichen Welt gehört und sich in dieser bewegen kann, analog dem grobstofflichen Körper, der sich in der grobstofflichen Welt bewegt.

Indem man sich in die Beziehung zur feinstofflichen Welt, zum „Raumäther“, einfühlt, lernt man, sich auch in den feinstofflichen Körper hineinzufühlen.

Der zweite Schritt wäre das Einfühlen in die Leichtigkeit von Baumwollfasern oder Flaumfedern, die nahezu schwerelos in der Luft schweben. Das läßt uns mit dem feinstofflichen Körper den grobstofflichen verlassen und wir beginnen uns in der feinstofflichen Welt zu bewegen – im „Raumäther zu wandeln“.

Dies ist die Welt, in der wir uns in unseren „Träumen“ bewegen und wirklich treffen wir dort die träumenden Wesen an und können uns ihnen gleich in völliger Freiheit durch Raum und Zeit bewegen – nur dass wir währenddessen klar und bewusst sind.


III/43: bahir akalpitaa vrittir mahaavidehaa tatah prakaasha-aavarana-kshayah

Begeben sich die Gedankenwellen ohne festgelegte Form nach außen, verweilt man außerhalb des Körpers und es enthüllt sich das Licht.

Wenn man ganz aufgeht in der Betrachtung eines Sonnenaufgangs oder in einer klaren Sommernacht den funkelnden Sternenhimmel betrachtet, wenn in der Dämmerung die Vögel zwitschern und die Geschäftigkeit des Tages sich in den Abendfrieden senkt: In diesen Momenten des innigen Miterlebens der Stille und Weite der Natur wird der Geist zur Unendlichkeit und es enthüllt sich das innere Licht.


OM


[8]  D. Godman (Hrsg.), „Sei, was du bist“, O.W. Barth-Verlag, S. 27

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