Mantras
Am Anfang trieb die Ur-Energie, die Shakti, in der Unendlichkeit eines leeren Kosmos, bis die erste subtile Klangschwingung, die erste sanfte Vibration die Shakti durch einen kleinen Anstoß in Bewegung versetzte und mit den feinsten Urklängen begann der Prozess der Schöpfung.
Die Urklänge in der Form der Mantras wurden den Weisen vor Urzeiten enthüllt, sie sind die klanglichen Entsprechungen göttlicher Macht. Alle Silben des altvedischen Schrifttums in sich sind Mantras - das höchste Mantra, das jeder Brahmane bis heute täglich wiederholt, das Gayatri-Mantra, stammt aus den über 3.500 Jahre alten Schriften des Rig-Veda:
Om
Bhur Bhuvah Swah
Tat Savitur Varenyam
Bhargo Devasya Dhimahi
Dhiyo Yo Nah Prachodayat
Rig-Veda, 3, 62,10
(Bhur Bhuvah Swah: Physische, astrale und göttliche Ebene; Tat: Alles-das-was-ist; Savitur: Savitri, der Schöpfergott; Varenyam: Verehrt werden; Bhargo: Der Beseitiger der Unwissenheit; Devasya: Glänzend; Dhimahi: kontemplieren; Dhiyo Yo Nah Prachodayat: Der unseren Geist erleuchtet)
Vishnu und Shiva
Das Prinzip der Stabilität der Welt, Vishnu, hat als Gegenspieler Shiva, den Zerstörer des Überholten, Veralteten, ohne dessen Energie nichts vorankäme, der das Alte vergehen lässt, um für das Neue Platz zu schaffen.
Der richtigen Auswahl des Mantras kommt eine entscheidende Rolle beim Erfolg oder eben Nicht-Erfolg der Meditationspraxis zu: Dem "in der Welt" lebenden Sadhaka würde die Verwendung des "Om Namah Shivaya" nicht nur nichts nützen, sondern es würde alle Bemühungen um spirituellen Fortschritt zunichte machen. Dieses Mantra ist das typische Einsiedler- und Asketenmantra. Es vernichtet alle Verhaftungen und wenn es die Verhaftung nicht vernichten kann, dann vernichtet es eben die Dinge, an die man verhaftet ist.
Da das Mantra für den Sadhaka sorgt, bringt es ihm ganz natürlich die Dinge, die er für seinen Fortschritt benötigt, aber eben dem Fortschritt auf seinem gewähltem Pfad!
Ein Leben in einer gewissen Abgesichertheit, frei von materiellen Sorgen, ist die Grundlage einer ungestörten Meditationspraxis. Es stört die Versenkung natürlich, wenn man nicht zu Ruhe kommen kann, z.B. weil unbezahlte Rechnungen auf dem Gemüt lasten.
So sollte man ein Mantra wählen, das die materiellen Voraussetzungen unterstützt.
(Wenn man in sich aber den unterschwelligen Glauben nährt, dass spirituelles Fortkommen sich nicht mit materiellem Besitz verträgt, dann "hilft" einem das Mantra auch dabei!)
Mantras zur Meditation
Vorweggeschickt: Man findet eine Fülle Mantras in Büchern und im Internet. Und es gibt tatsächlich Bücher, die einem empfehlen, sich einfach ein Mantra zur Meditation auszuwählen und dieses dann auch zu verwenden. Doch, in aller Deutlichkeit: Das Mantra bedarf einer Diksha, eines Einweihungsrituals, um wirklich wirksam zu sein. Ohne die Übertragung der Kraft durch diese Zeremonie ist das Mantra zwar nicht unwirksam und schon gar nicht schädlich!, aber es hat nur einen geringen Teil der Wirksamkeit. Wenn sie sich auf diese Art ein Mantra wählen wollen, dann wählen sie es zumindest aus einer Quelle, die sie beim Lesen auf eine höhere Ebene gebracht hat, aus einem lichtvollen Buch. Die folgenden Erläuterungen dienen der Orientierung und sind keine Gebrauchsanleitung. Bemühen sie sich um kundige Unterweisung und suchen Sie einen Lehrer!
Zur Meditation für den Nicht-Asketen sind vor allem die Ganesha-, Krishna- und Ram-Mantras geeignet, ebenso natürlich alle Vishnu-Mantras, als klangliche Verkörperungen des Vishnu-Prinzips: Sie stehen für den Erhalt und die Stabilität der Welt und die Aufrechterhaltung des Dharma, des kosmischen Gesetzes.
Ganesha
Zu Ganesha, dem Gott mit dem Elefantenkopf, gehören folgende Mantras:
- Mantra: "Shri Maha Ganapataye Namah"
- Gayatri: "Ekadantaya Vidmahe Vasudevaya Dhimahi, Tanno Vishnu Prchodayat"
Ganesha ist der Beseitiger der Hindernisse, er bringt Erfolg in Unternehmungen und Wohlstand in das Haus, er gibt Kraft und Standhaftigkeit.
Krishna
Krishna ist durch die Bewegung des Swami Prabhupada, die Internationale Gesellschaft für Krishna-Bewusstsein, im Westen sehr populär geworden. Vor allem Mitte der siebziger Jahre hörte man häufig die Mönche des Ordens in den Großstädten das Hare Krishna Mantra chanten:
Hare Krishna, Hare Krishna, Krishna Krishna, Hare Hare, Hare Rama, Hare Rama, Rama Rama, Hare Hare.
Mantra: “Sri Krishnaya Namah”
Gayatri: “Devakinandanaya Vidmahe Vasudevaya Dhimahi Tannah Krishnah Prachodayat”
Ram
König Rama, der Held des indischen Epos „Ramayana“, gilt als siebte Verkörperung Vishnus und stellte durch den Sieg gegen den Dämonenkönig Ravana das Dharma, die göttliche Grundharmonie des Seins wieder her.
Mantra: : „Shri Ramaya Namah” oder „Shri Ram, Jai Ram, Jai Jai Ram“
Gayatri: “Dasarathaye Vidmahe Sitavallabhaya Dhimahi Tanno Ramah Prachodayat”
Vishnu
Vishnu ist in der Dreiheit der höchsten Götter Brahma-Vishnu-Shiva das Prinzip der Erhaltung der Schöpfung. In dieser Funktion verkörpert er sich, um das Dharma wieder aufzurichten, wenn die Schöpfung beginnt, den Kräften des Verfalls zu unterliegen. Die Vishnu-Verehrung entfaltet sich in verschiedenen Traditionen, sie gilt teils Vishnu selbst, teils werden seine Inkarnationen, vor allem Rama und Krishna verehrt.
Mantra: “Namo Narayanaya”
Gayatri: „Narayanaya Vidmahe Vasudevaya Dhimahi Tanno Vishnu Prachodayat“
Die Bija-Mantras
Die Bija-Mantras sind als Grundklänge aus der Tiefe des Seins äußerst kraftvolle Instrumente zur Meditation. Mit dem Vishnu-Prinzip verbunden sind folgende Bijas:
Shrim (Göttin Lakshmi; Wohlstand und Erfüllung)
Aim (Göttin Saraswati; Weisheit, Kreativität)
Gam (Gottheit Ganesha; Beseitigung von Hindernissen, Standhaftigkeit),
Glaum (Gottheit Ganesha)
Kshraum (Gottheit Vishnu in seiner Inkarnation als halb-Mensch halb-Löwe: Narashimsa; das kraftvolle Aufrechterhalten des Dharma, der kosmischen Ordnung)
Shyam (Gottheit Krishna als Inkarnation Vishnus)
Die Bija-Mantras sollten ausschließlich verwendet werden, wenn sie von einem Meditationslehrer in einer Diksha übermittelt werden. Sie sind sehr kraftvoll und der Umgang mit diesen Mantras kann weder hier noch im Rahmen eines Buches vermittelt werden.
Mantra: Aussprache
E und O sind immer lang
R ist ein stimmhaftes Zungenspitzen-R
Sh wird als sch gesprochen
H sollte stets hörbar bleiben und ist kein Längenzeichen wie im Deutschen
J wird als dsch gesprochen, wie im englischen „just“
Als Beispiel:
Ram-Mantra: „Shri Ram, Jai Ram, Jai Jai Ram“
Aussprache: „Schri Raam, Dschäi Raam, Dschäi Dschäi Raam“, wobei das „R“ ein sanftes, stimmhaftes Zungenspitzen-„R“ ist. Wenn man das „R“ so nicht sprechen kann, sollte man es zumindest in der Vorstellung behalten. Das „Dschäi“ ist dunkel im Klang.
Ganesha-Mantra: "Shri Maha Ganapataye Namaha"
Aussprache: „Schri Maha Ganapattayee Namaha“, das letzte „A“ ist zusammen mit dem vorangehenden „H“ nur ein sehr leiser Nachklang und kaum hörbar.
OM





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