Der Tag, an dem die Erde stillstand

The Day the Earth Stood Still - Filmkritik

USA 2008
Regie: Scott Derrickson
Darsteller: Keanu Reeves, Jenniffer Connelly
Kamera: David Tattersall
Musik: Tyler Bates


Mit Fug und Recht können die Pessimisten unter den Fans des Genres behaupten: Der Sciencefiction-Film ist tot. Neue Ideen sind Mangelware, das Genre erschöpft sich in immer neuen Reproduktionen seiner selbst und untermauert seine aus der massenhaften Verbreitung in Groschenheften herrührende Serialität durch nicht enden wollende Sequels und Prequels (Star Wars, Star Trek, Starship Troopers, Stargate). Die sich fortspinnenden "Sagas" bleiben thematisch in erprobtem Terrain: Weltraumopern mit Fantasy- und Horror-Durchsatz (Aliens vs. Predator, 28 Weeks Later) oder weitere Umsetzungen erfolgreicher Comic-Adaptionen (Jumper, X-Men, Ultraviolet, Transformers), die immerhin in technischer und ästhetischer Hinsicht mitunter einen eigenen Stil wagen. Zu den interessanteren Strömungen zählen die Endzeit-Filmen in der Nachfolge der Matrix-Trilogie - bezeichnenderweise bedient man sich auch hier i. d. R. bekannter Vorlagen in Form von Romanen und/oder Filmen (War of the Worlds, Invasion, I Am Legend, Per Anhalter durch die Galaxis).

Diese Strömung spült nun auch die Neuverfilmung des Sciencefiction-Klassikers Der Tag, an dem die Erde stillstand von 1951 in unsere Kinos. Wie schon die obige Liste zeigt, taugt das Sciencefiction-Genre durchaus noch dazu, um blockbusterfähige Großproduktionen in die Multiplexe zu drücken - allerdings konzentriert sich die Kreativität der Macher dabei leider meist eher auf formal-technische Perfektion als auf inhaltliche Qualität. Da ist es schon als erfreulich zu werten, wenn überhaupt mal der Ansatz zu einer zeitgemäßen Neuinterpretation eines existierenden Stoffes zu beobachten ist. Der Tag, an dem die Erde stillstand unternimmt diesen Versuch durchaus. Unabhängig davon, wie gut dieser Versuch gelungen sein mag: Durch seine schiere Existenz stellt er einen repräsentativen Ausschnitt des gegenwärtigen Zeitgeistes dar, wie es schon beim Film von 1951 der Fall war. Dieser variierte das im amerikanischen Kino der 50er Jahre verbreitete Thema der Paranoia vor kommunistischer Unterwanderung, indem er keine Vertreter einer feindlichen Invasionsarmee unerkannt in der amerikanische Gesellschaft untertauchen ließ, sondern einen der Menschheit friedlich gesonnnenen Abgesandten, der sich ungerechtfertigt der Verfolgung des amerikanischen Miltärs ausgesetzt sieht. Die Originalverfilmung atmete noch ganz den Geist des kalten Krieges und entwickelte eine utopische Vision eines von außen erzwungenen weltweiten Friedensprozesses als evolutionären Weiterentwicklungsprozess der Menschheit.  In der Neuverfilmung entschied man sich dafür, diese Disposition zu ersetzen durch die Angst vor der ökologischen Zerstörung der Erde. Die außerirdische Macht, die in der Originalverfilmung gekommen war, um die Zivilisationen anderer bewohnter Planeten vor den kriegerischen Auswüchsen einer in den Weltraum vordringenden, atomar bewaffneten Menschheit zu schützen, ist in der Neuverfilmung, aus nicht näher ausgeführten Gründen, an der Rettung des Planeten Erde selbst und der darauf entwickelten Artenvielfalt interessiert, die durch die Menschheit zerstört zu werden droht. Die Angst vor dem militärischen Armaggeddon ist zu Beginn des 21. Jahrhunderts also der Furcht vor ökologischer Zerstörung als größter globaler Bedrohung gewichen.

Dass der Stoff auch ohne diese Wendung hochaktuell hätte interpretiert werden können, scheint der Film eher unbewusst zu reflektieren, etwa im Bild eines von den Außerirdischen ausgesetzten gigantischen Schwarms metallischer Insekten, der gnadenlos ganze Städte in Schutt und Asche legt und sich bei jedem Angriff konventioneller Waffen der Menschheit noch vergrößert - ein nicht als homogene Organisation fassbarer und mit militärischen Mitteln nicht angreifbarer Feind, der sein Zerstörungswerk im Herzen der amerikanischen Gesellschaft vollbringt: Spätestens seit dem 11. September 2001 ist dies ein eindrückliches Symbol für die der Athmosphäre der 50er Jahre durchaus vergleichbare Paranoia vor dem globalen Terrorismus. Diese Parallele wird vom Film jedoch intellektuell nicht verarbeitet, stattdessen konzentriert er sich, ganz im Stile der Sciencefiction-Blockbuster seiner Zeit, auf die Schaueffekte aus dem Computer, welche die Zerstörung zum ästhetischen Spektakel gerinnen lassen. Lediglich in einer Szene, als der Junge Jacob Benson, dessen Vater in der alten wie in der neuen Verfilmung bei einem Kriegseinsatz ums Leben kam, auf dem Friedhof um seinen Vater trauert, dringt die kriegerische Weltlage in die Handlung ein.

Während die Originalverfilmung die offene Frage, ob sich die Völker der Menschheit dazu entschließen können, künftig friedlich zusammenzuleben oder wegen fortgesetzter kriegerischer Auseinandersetzungen der angedrohten Zerstörung durch die Außerirdischen anheimfallen werden, als pazifistischen Aufruf unbeantwortet im Raume stehen lässt, lässt sich die Neuverfilmung zu einer idealistischen Auflösung hinreißen, als Klaatu an der späten Versöhnung zwischen Jacob und dessen ungeliebter Stiefmutter Helen erkennt, dass die Menschheit am Rande des Abgrundes zu einem Wandel imstande ist, und die bereits angelaufene Zerstörung der Zivilisation abbläst. Dadurch wird die zuvor durchaus wirkungsvoll aufgebaute Ambivalenz des außererirdischen Besuchers, dessen Absichten zwischen Rettung der Erde und Zersörung der Menschheit zunächst im Unklaren gelassen werden, konterkariert. Der Klaatu der Neuverfilmung hätte durchaus das Potenzial geboten, der allzu glatt gütig-weisen Figur des Originals eine kantigere, mehrdimensionalere Figur gegenüberzustellen. Keanu Reeves aber zieht den roboterhaft-emotionsfreien Schauspielstil, der kaum mehr als einen einzigen Gesichtsausdruck erforderlich macht, konsequent von Anfang bis Ende durch - böse Zungen mögen behaupten, dies entspreche genau dem Umfang seines darstellerischen Repertoires.

Viele weitere kleinere und größere Adaptionen am Ausgangsscript sorgen dafür, dass man beim Betrachten von Der Tag, an dem die Erde stillstand eher die wenigen gemeinsamen Elemente sucht als die zahlreichen Weiterentwicklungen. So ist das Ziel der Außerirdischen nicht länger die amerikanische Hauptstadt Washington  - was im Originalfilm Anlass bot zu einigen Reflexionen über die Universalität der amerikanischen Verfassung und den aufklärerischen Leitideen, auf denen sie basiert - sondern die "heimliche Hauptstadt" der Menschheit, New York City. Ansonsten fällt auf, dass die Filmemacher ganz offenbar wild entschlossen waren, die Nebenfiguren dazu zu nutzen, ein im Vergleich zum Original weniger konservatives Gesellschaftsbild darzustellen. Der von der amerikanischen Regierung zur Verhandlung mit Klaatu entsandte Diplomat mutiert in Gestalt der von Kathy Bates gespielten US-Verteidungsministerin zu einem abgeklärten Condoleezza Rice-/Hillary Clinton-Abklatsch. Jacob wird vom weißen zum afroamerikanischen Jugendlichen und die weibliche Hauptfigur Helen greift nicht länger als Hausfrau und Mutter, sondern als weltweit renommierte Biologin ins Handlungsgeschehen ein. Demgegenüber wirkt der  auch in der Gestaltung direkt aus dem Original übernommene Roboter Gort, der zur Verteidigung von Klaatu mit auf die Erde gekommen ist, wie ein weiterer der zur Zeit grassierenden, eher uninspirierten Rückgriffe auf Ikonen aus der Frühzeit der Sciencefitction.

Kommentare

Artikelbewertung:
Ihre Bewertung:
Alle Rechte vorbehalten.
Version:6
Versionen
Zuletzt bearbeitet: 02.01.2009 20:48.

Aktivität dieses Knol-Artikels

Diese Woche:

42Seitenaufrufe

Summe:

1882Seitenaufrufe
1Kommentare