Auf dem Weg zu den imposant vor einem liegenden Bergen durchquert man das Nervia-Tal, und staunt über so romantische Orte, wie Dolceacqua oder Apricale. Dolceacqua wurde übrigens schon von Monet gemalt, und ist mit seinem Doria-Schloss und dem typischen Altstadtkern an Romantik kaum zu überbieten. Dolceacqua, das im Deutschen so viel wie "süßes, sanftes Wasser" bedeutet, hat seinen Namen vom keltischen Gott der Magier "Dulciaga". Die strategische Position des Ortes, der direkt am Nervia-Fluss gelegen, die Kontrolle des oberen Nervia-Tals sowie des Tals von Rocchetta Nervina und des parallel verlaufenden Crosia-Tals ermöglichte, machte dieses Gebiet schon immer zu einem wichtigen Siedlungsgebiet. Die auf den Höhen rund um Dolceacqua zu findenden Anbaubedingungen machten es zudem interessant. Heute wird hier hauptsächlich der Rossese di Dolceacqua D.O.C., der 1972 zur ersten D.O.C. Italiens ernannt wurde angebaut. Von der Straße aus sieht man keine Weinberge. Man muss sich daher die Mühe machen und auf engen, kurvigen Straßen in Richtung der Berggrate fahren, um dann die heroischen Weinberge zu sehen, die großteils auf Terrassen mit Trockensteinmauern mühsam von Hand gepflegt werden. Die Weinberge nehmen auf den Berggraten (400 - 800 Meter) von morgens bis abends Sonne auf, und die Nächte sind kühl. Zudem ideal mischt sich Meer- mit Bergluft, und verleiht dem Wein die besondere Eleganz. Rubinroter, heller Glanz macht den Rossese aus. Doch ohne die prächtigen, vielerorts noch zu bewundernden uralten Weinreben, die es zum Teil auf noch gut 130-140 Jahre bringen, hat man den Rossese noch nicht komplett verstanden. Das ist nämlich das eigentlich erstaunliche an dieser autochtonen, terroir-typischen Sorte. Hat in ganz Europa nämlich die Reblaus den Weinreben Ende des 20 Jh. den Garaus gemacht, hat sie diesen kleinen Teil der Weinwelt verschont gelassen. Das war auch einer der Gründe, warum der Rossese di Dolceacqua zur ersten D.O.C. Italiens erklärt wurde. Und hier spiegelt sich dann das andere, ewige Gesicht Liguriens: beinharte Arbeit auf engen Terrassen, die im Volksmund "fasce" genannt werden. Es verwundert daher nicht, das heute viel verlassenes Land, verwilderte Terrassen das Hinterland prägen. Doch der unbeugsame, kämpferische Charakter, der die Ligurier prägt lässt sich dann aber sogleich in unmittelbarer Nähe des Verlassenen in atemberaubend steilen gutgepflegten Weinbergen und Olivenhainen bewundert. Vielleicht ist es genau dieser Gegensatz, der viele Deutsche, Holländer, Engländer wie magisch angezogen hat, und die heute genau hier im Hinterland ihre Ferienwohnung gekauft haben. Die Meldedaten in Gemeinden wie Perinaldo, Airole, Apricale oder auch Dolceacqua sprechen hier eine deutliche Sprache. Und trotzdem mangelt es an Touristen insgesamt. Im Jahr 2006 wurde sogar ein Rückgang von fast 20 Prozent von der Provinzverwaltung vermeldet. Dieser Teil Liguriens ist alles andere als überlaufen, und immer noch ein Geheimtipp, wenn man das Riviera-Feeling an den lebendigen Stränden mit dem Hinterland vermischt zu genießen vermag. Nur lasch am Strand liegen, das kann man anderswo genau so gut, und noch dazu billiger. Morgens in die Berge, bei 16 Grad eine kühle Wanderung unternommen, und dann Mittags über 30 Grad im sauberen Wasser des Mittelmeers genießen - das macht dann schon den ganz besonderen Reiz dieses Teils von Ligurien aus. Vieles muss man sich aber dennoch selber erarbeiten: schlecht oder gar nicht ausgeschilderte Wanderwege, enge beschwerliche Wege für die Autofahrer - dieser Teil Liguriens will entdeckt und erarbeitet werden. Doch es gibt nicht nur das Nervia-Tal zu entdecken: Die ligurische Bevölkerung denkt hier nicht von ungefähr in Tälern. Es gibt sie hier reichlich, und jedes Tal hat seinen spezifischen Reiz, und seine eigene Faszination. Kurz: Auf einem sehr kleinen Territorium kann man sehr verschiedene Sachen erleben. Als Beispiel sind die Lavendelfelder in der Nähe von Molini di Triora zu nennen, die auf 1.300 Metern Höhe zwischen Himmel und Erde, Meer und Hochgebirge einen prächtigen, heilenden Lavendel ergeben, dessen reine Essenz bei vielerlei Beschwerden und Krankheiten eingesetzt werden kann. Im Vergleich zur allgemein verwendeten Hybridform, dem Lavandin, der in der Provence zu finden ist, sprechen wir hier von "echtem" Lavendel, der heute zu großem Teil in Vergessenheit geraten ist. Echter Lavendel (Lavandula angustifolia) wächst nämlich nur auf über 1.000 Metern Höhe. War einst das obere Argentina-Tal für sein Brot (Pane di Triora) und eben diesen Lavendel bekannt, gibt es heute nur noch 2 Produzenten von Lavendel, die hier tätig sind. Bekannt ist daneben das Gebiet in Richtung Piemont - Colle di Nava - für seine Lavendelproduktion.
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