Dieser Beitrag erschien erstmals in PACE - Das Polomagazin (Ausgabe 01/07)
Einführung
Die „Goldene Mistgabel“ ist keine Auszeichnung, auf die man stolz sein kann. Monatlich vergeben die Redakteure der Pferdezeitschrift Cavallo den undankbaren Titel an Reiter, Pferdesportverbände, Turnierveranstalter oder Firmen, die sich in den Augen der Redaktion nicht gerade mit Ruhm bekleckert haben. 2003 erhielt der Uhrenhersteller Rolex die Goldene Mistgabel. Cavallo kritisierte damit ein Werbemotiv der Firma, auf dem ein Polospieler abgebildet war, der ruppig an den Zügeln zog und dessen Pferd das Gesicht schmerzhaft verzog. Die Kampagne zog eine Welle der Empörung nach sich und viele Journalisten und Tierschützer erklärten Polo per se als Tierquälerei. Viele der Artikel und Aussagen von Tierschützern, und das ist traurig, hinterfragten weder die Ausbildung und Haltung der Polopferde noch das komplexe Regelwerk, das den Schutz der Pferde in den Vordergrund stellt, sondern kochten das Thema unreflektiert hoch. Aussagen wie „Polo ist für Turnierspieler ein teurer Sport, bis zu sechs Pferde braucht man pro Saison. Daher sind exklusive Sponsoren gern gesehen“, sind schlicht falsch. Ebenso die Behauptungen, dass im Polosport rücksichtslos gedopt wird oder dass die extremen Wendungen, Stopps und Tempowechsel nicht mit dem Tierschutzgesetz vereinbar sind. Man schaue sich die Stopps und Wendungen in der Westernreiterei, immerhin eine der Disziplinen der Weltreiterspiele an, oder die Zeitlupenaufnahme eines Springpferdes – in jeder Disziplin lassen sich Momentaufnahmen finden, die Anlass zur Kritik geben. Das haben mittlerweile auch die Redakteure von Cavallo und anderen großen Pferdezeitschriften eingesehen, die den Polosport mittlerweile objektiver betrachten. Wer im Glashaus sitzt, sollte schließlich nicht mit Steinen werfen. Denn eines gilt für alle Reiter: Die Natur hat nicht vorgesehen, dass ein Mensch auf dem empfindlichen Pferderücken sitzt. Hier sind sie, die zehn größten Irrtümer in Sachen Polosport.
1. "Polo ist Tierquälerei"
2. "Im Polosport gibt es keine Dopingrichtlinien"
3. "Nur Reiche spielen Polo"
4. "Polo lernen – das geht nur mit Vitamin B"
5. "Zum Polo-Spielen benötigt man 6 Pferde"
6. "Polospieler erhalten Unsummen von Sponsorengeldern"
7. "Im Polosport gibt es keine Nachwuchsförderung"
8. "Polospieler wollen unter sich bleiben"
9. "Das Polopony ist ein Sportgerät"
10. "Auf Poloturnieren wird nur Champagner getrunken"
Irrtum #1: "Polo ist Tierquälerei"
Einige Tierschützer sind der Meinung, dass der Einsatz der Pferde im Polosport grundsätzlich nicht mit dem Tierschutzgesetz vereinbar ist. Ihre Begründung: die Belastungen führen zu Schäden an Knochen und Sehnen und das überfordert die Pferde. Das würde bedeuten, dass alle Reitsportdisziplinen, in denen schnelle Stopps, Tempowechsel und enge Wendungen geritten werden, den Tatbestand der Tierquälerei erfüllen. Das hieße auch, der Springsport müsste verboten werden, da bei der Landung für den Bruchteil einer Sekunde das gesamtes Köpergewicht (bei einem Großpferd also zwischen 500 und 700 Kilogramm) auf den Vorderbeinen des Pferdes lastet. Gleichzeitig könnten auch die Westernreiter einpacken, denn hier werden Lektionen geritten wie der Sliding Stop, bei dem das Pferd aus dem vollen Galopp so scharf abgebremst wird, dass es mit der Schweifrübe fast den Boden berührt, oder der Spin, bei dem das Pferd sich mehrfach und im schnellen Tempo um die eigene Hinterachse dreht. Die Dressur- und Vielseitigkeitsreiter sowie die Fahrer haben ebenfalls schlechte Karten: Piouretten und Piaffen, Lektion in der Dressur, erfordern für einen längeren Zeitraum die komplette Gewichtaufnahme auf die Hinterhand. In der Vielseitigkeit müssen die Pferde auch bei sehr warmen Temperaturen nicht nur enorme Strecken, sondern auch feste Hindernisse bewältigen. Fahrpferde ziehen enormes Gewicht und müssen dieses in Prüfungen durch unwegsames Gelände manövrieren. Demnach wären alle Reitsportarten Tierquälerei und nicht mit dem Tierschutzgesetz vereinbar. Es sei denn, es werden bestimmte Voraussetzungen geschaffen, damit das Pferd die geforderten Leistungen ohne Schaden zu nehmen, bewältigen kann. Wann ist Reiterei Tierquälerei? Zusätzlich zum Tierschutzgesetz gibt es besondere Leitlinien zum Tierschutz im Pferdesport, die gemeinsam vom Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz, dem Bundesverband Tierschutz, der Deutschen Reiterlichen Vereinigung, der Deutschen Tierärzteschaft, der Deutschen Veterinärmedizinischen Gesellschaft und etlichen Reitsportverbänden entwickelt wurden. Hier heißt es, das Ziel der Ausbildung und Nutzung von Pferden dürfen nur solche Leistungen, Verhaltens- und Bewegungsabläufe sein, die in der Tierart, in der Rasse sowie im einzelnen Pferd von Natur aus angelegt sind. Es geht also darum, die Voraussetzungen zu schaffen, damit das Pferd die geforderten Leistungen erbringen kann. Das Polopferd benötigt vor allem eine hervorragende Kondition, damit es die siebeneinhalb Minuten, die ein Chukka dauert und in denen es die meiste Zeit galoppiert, bewältigen kann. Daher ist das Ausdauertraining die Grundlage der Ausbildung: Zur Vorbereitung der Saison besteht das Training aus Laufarbeit. Zwei Mal täglich werden die Pferde im Schritt, Trab und Galopp bewegt; die Dauer hängt vom Trainingszustand und dem Zeitpunkt ab (Aufbauarbeit im Frühjahr, Erhaltungsarbeit während der Saison). Da es im Polosport kaum Berufsreiter gibt, sind die Spieler auf Unterstützung angewiesen und haben in der Regel einen Pferdepfleger (Groom), der das tägliche Konditionstraining übernimmt. Das entspricht im Vergleich zum Dressur- oder Springsport der täglichen Gymnastikarbeit. Das konkrete Training durch die Arbeit an speziellen Sprüngen oder das Üben einzelner Dressurlektionen entspricht im Polosport dem Stick und Ball. In Einzelarbeit werden hier im langsamen Tempo die einzelnen Schläge und taktischen Manöver geübt. Häufig wird zu zweit oder dritt im Schritt oder Trab gearbeitet. Das konkrete Training findet dann beim so genannten Club-Chukka statt. Dabei wird ein komplettes Match gespielt. Das Training und die Club-Chukka nehmen den größten Teil der Zeit ein, die ein Polospieler auf dem Pferderücken verbringt, denn die Anzahl an Turnieren ist wesentlich geringer als in allen anderen Disziplinen. Tierquälerei ist...wenn ein Reiter kein Rücksicht auf die Bedürfnisse seines Pferdes nimmt. So lange das Pferd entsprechend der Leitlininen auf seine Aufgabe vorbereitet wird, kann von Tierquälerei im Polosport also kaum die Rede sein, ohne dass man für alle Disziplinen sprechen müsste. Gefallen lassen müssen sich Polospieler darüber hinaus Vorwürfe, dass ihre Pferde dehydriert über den Poloplatz gehetzt werden, dass scharfe Gebisse und Sporen zum Einsatz kommen und dass die Pferde stundenlang an der Ponyline in der prallen Sonne stehen. Hier sind vor allem die Veranstalter in der Pflicht, die für Wasseranschlüsse und Unterstände sorgen müssen. Die Krititk ist in manchen Fällen sogar berechtigt – so lange sie den Sport nicht als solches der Tierquälerei preis gibt. Gleiches gilt für den unsachgemäßen Umgang mit Gebissen, Sporen und Gerten – jeder Spieler steht in der Verantwortung, reiterliches Unvermögen nicht durch den Einsatz von Hilfsmitteln zu ersetzen. Darüber hinaus stehen die Veranstalter und der Verband in der Pflicht, Fehlverhalten zu ahnden – deshalb sind bei jedem Spiel zwei berittene Schiedsrichter, die so genannten Umpires auf dem Platz. Sie unterbrechen das Spiel nicht nur wenn ein Spieler sich seinem Pferd gegenüber unfair verhält – in diesem Fall wird er vom Platz gestellt und sein Team muss ohne ihn das Spiel fortsetzen – sondern auch, bevor es zu einer gefährlichen Kollision kommt. Das Regelwerk besteht überwiegend aus Regeln, die genau beschreiben, in welchem Winkel die Reiter sich aufeinander zu bewegen dürfen – ein Verstoß zeichnet sich auf Grund der Größe des Spielfelds rechtzeitg ab, so dass die Umpires abpfeifen, bevor es kracht. Deshalb dauert ein Polospiel im Schnitt eineinhalb Stunden, denn während eines Chukka wird lieber häufiger abgepfiffen als dass ein Unfall riskiert wird – statt siebeneinhalb Minuten dauert ein Spielabschnitt deshalb gern bis zu 20 Minuten.Irrtum #2: "Im Polosport sind Dopingrichtlinien unbekannt"
Selbst wenn es im Polsport keine zusätzlichen Regelungen zum Thema Doping gäbe, wie es sie seit 2005 jedoch gibt, sind die Polospieler durch das Tierschutzgesetz an Regeln gebunden. In seiner Satzung verplichtet sich der Deutsche Poloverband zur Einhaltung der Leitlinien zum Tierschutz im Pferdesport, darunter der Paragraph drei, der jegliche Formen des Dopings auf Sieg, Niederlage oder zur Wiederherstellung der normalen Leistungsfähigkeit verbietet. Um die Dopingthematik im Polosport konkreter zu beschreiben, wurden 2005 „Zusätzliche tierschutzrechtliche Regelungen für den Polosport“ erlassen. Unter anderem reagierten die Amtstierärzte damit auf die laut gewordene Kritik von Tierschützern, die im Polosport übermäßiges Doping vermuteten. Im Rahmen der Entwicklung der neuen Regelung besuchte beispielsweise der Hamburger Amtstierarzt Dr. Otto Horst im Sommer 2005 das Berenberg Polo Derby und nahm unangekündigt Stichproben – mit dem Ergebnis, dass er bei keinem Pferd unerlaubte Substanzen im Blut oder im Urin fand. Trotz allem war es an der Zeit, verbindliche Regeln aufzustellen, um gleich den anderen Disziplinen gewisse Rahmenbedingungen für die Turniere zu schaffen. Seit 2005 gilt für jede Poloveranstaltung:- Auf jedem Turnier muss eine sportliche Aufsichtsperson benannt werden, die eventuelles Fehlverhalten dem Schiedsrichtergremium melden muss. Außerdem muss ein schriftlicher Vertrag zwischen dem Veranstalter und dem Turniertierarzt vorliegen.
- Die sportliche Aufsicht lost Spieler aus, die ihre Pferde zur Dopingkontrolle vorzuführen haben.
- Maulkörbe sind verboten, es sei denn es gibt eine Ausnahmebescheinigung vom anwesenden Tierarzt.
- Es dürfen nur Pferde teilnehmen, die einen gültigen Pferde- und Impfpass besitzen.
- Es dürfen keine Sporen verwendet werden, die zu Stich- oder Schnittverletzungen führen können.
- Die Gerte darf nicht länger als 1,20 Meter sein.
- Ein Turnier darf nur stattfinden, wenn für ausreichend Wasser gesorgt ist.
- Verstöße gegen das Tierschutzgesetz müssen im Spielprotokoll festgehalten werden und bei Verlangen den entsprechenden Behörden vorgelegt werden.
- Bei extremen Wetterbedingungen können die Schiedsrichter zusätzlich Pausen anordnen.
Jeder Turnierveranstalter, der sich nicht an diese Regeln hält, riskiert die Gefahr einer Anzeige und einer Geldstrafe. Das gilt auch für einzelne Polospieler, die diese Richtlinien nicht beachten.
Irrtum #3: „Polo ist nur etwas für Reiche“
Wie reich man sein muss, um Polo spielen zu können? Das hängt davon ab, in welchem Umfang man spielt und welches Leistungsniveau man ansterebt. Als Einsteiger kann man in fast allen der 27 Poloclubs in Deutschland Unterricht nehmen. Dafür benötigt man weder ein eigenes Pferd noch die entsprechende Ausrüstung. Der intensive Einzelunterricht kostet pro Stunde zwischen 70 und 95 Euro inklusive Pferd, Helm und Stick. Zum Vergleich: Eine Stunde Einzelunterricht bei einem Berufsreitlehrer kostet zwischen 55 und 110 Euro, je nach Qualifikation und persönlichem Erfolg des Lehrers.
Typ 1: Der Freizeitspieler
Wenn das Können so weit fortgeschritten ist, dass man an den ersten Trainingsspielen (Club-Chukka) teilnhemen kann, geht auch das ohne ein eigenes Pferd. In den Poloschulen werden Pferde gegen eine Leihgebühr zur Verfügung gestellt, die für vier Chukka bei circa 75 Euro liegt. Hat man sich entschieden dabei zu bleiben, kommt die Investion in ein Paar Polostiefel (ab 350 Euro) und einen Helm (ab 110 Euro) dazu – geritten wird in bequemen Jeans. Zum Vergleich: Ein Paar Reitstiefel aus Leder erhält man in der niedrigsten Qualität ab 250 Euro, eine Reitkappe ab 45 Euro und eine Reithose ab circa 65 Euro. Polosticks für Einsteiger erhält man ab 35 Euro pro Stück. Die Kosten für diese „Freizeitvariante“ sind dabei ähnlich wie in einer Reitschule, in der man auf einem Schulpferd regelmäßig Unterricht nimmt und lediglich in seine eigene Ausrüstung investieren muss. Anders sehen die Kosten aus, wenn man sich für den Kauf eines eigenes Polopferdes entscheidet. Ein ausgebildetes Pferd für den Bedarf eines Freizeitspielers bekommt man ab circa 4.000 Euro. Mit einem Pferd kann der Spieler Stick und Ball trainieren, pro Club Chukka einen Spielabschnitt reiten oder einfach ins Gelände reiten. Eine anderer Variante ist die Reitpartnerschaft oder Reitbeteiligung. Dabei teilt man sich entweder die Anschaffungs- und Haltungskosten oder lässt einen anderen Reiter gegen eine Beteiligung der Kosten regelmäßig reiten. Das ist besonders für Berufstätige von Vorteil, die so dafür sorgen können, dass ihr Pferd regelmäßg bewegt wird ohne dass sie einen Pferdepfleger einstellen müssen. Fazit: Egal ob Polospieler oder Freizeitreiter, wer sich ein eigenes Pferd anschafft, hat die monatlichen Kosten für eine Box, den Hufschmied, Futter und eventuelle Tierarztkosten.
Typ 2: Der turnierambitionierte Spieler
Die Kosten steigen, wenn man erste Turnierambitionen entwickelt. Viele Polospieler bestreiten ihre ersten Turniere mit einem eigenen und drei gemieteten Pferden. Dann kommen die Kosten für das sogenannte Nenngeld (zwischen 1.000 und 3.000 Euro), für den Transport der Pferde (je nach Entfernung zum Turnier) und den Pferdepfleger hinzu (vier Pferde während des Spiels zu koordinieren ist schwierig; die Pferde müssen vor dem Chukka warm und hinterher trocken geritten, auf- und abgesattelt werden, etc.). In diesem Fall greifen viele Turniereinsteiger auf den bewährten TT zurück (Turniertrottel; meist Vater, Mutter, beste Freundin, Freund oder Freundin, die sich auf dem Turnier um alles neben der Reiterei kümmern; der Begriff stammt aus der Dressur- und Springreiterei). Fazit: Um gelegentlich ein Poloturnier zu spielen, muss man keine Millionen auf der Bank liegen haben. Entsprechend gut betucht muss sein, wer sich dem Turniersport ernsthaft verpflichtet (siehe Irrtum Nummer 5).
Irrtum #4: „Polo erlernen – das kann man nur mit Vitamin B“
Polospielen, damit kann man nur beginnen wenn man einen Polospieler kennt – oder wo kann man damit anfangen? Ganz einfach: in einem der 27 Poloclubs, die es in Deutschland gibt. Zugegeben, es gibt bei weitem nicht so viele Poloclubs und Poloschulen wie Reitvereine und -schulen. In Deutschland reiten 1.700.000 Menschen, entsprechend findet man Reitvereine und Reitschulen im Vergleich zum Polosport wie Sand am Meer – allein im Landesverband der Reit- und Fahrvereine Hamburg sind 57 Vereine organisiert. Die Nachfrage regelt hier das Angebot. Da das Interesse am Polosport in den vergangenen zwei Jahren deutlich zugenommen hat, hat sich auch das Angebot für Einsteiger verändert. Zu den Klassikern der Ausbildungszentren zählen das Hamburger Pologestüt, auf dem Deutschlands bester Polospieler, Thomas Winter unterrichtet und die El Condor Poloschule am Chiemsee. Hier unterrichtet der Argentinier Carlos Velazquez, der wie Thomas Winter HPA Instructor ist, also geprüfter Trainer der Hurlingham Polo in England. In Deutschland ist eine offizielle Ausbildung zum Polotrainer weder möglich noch wird sie durch das Berufsbildungsgesetz geregelt. Dagegen gibt es seit 1975 in Deutschland die Möglichkeit, eine dreijährige Ausbildung zum Berufsreiter (mit den Schwerpunkten Reiten, Pferdezucht und -haltung, Rennreiten oder Trabrennen) zu absolvieren, an deren Ende eine Prüfung zum Pferdewirt (Schwerpunkt Reiten oder Pferdewirtschaftsmeister –
Teilbereich Reitausbildung) steht. Neben Thomas Winter und Carlos Velazquez hat noch Christopher Kirsch, der im schleswig-holsteinischen Groß Offenseth-Aspern eine Poloschule betreibt, deshalb die Ausbildung zum Polotrainer, beziehungsweise zum Instructor, in England absolviert sowie Christopher Kiesel vom Poloclub Landsberg. Polounterricht darf man natürlich auch ohne diese Qualifikation erteilen – wie in anderen Disziplinen gibt es auch hier hervorragende Lehrer, die ihr Wissen und ihre Erfahrung an Einsteiger weitergeben. In fast allen der deutschen Poloclubs gibt es einen Polotrainer, der entweder im jeweiligen Club engagiert ist oder regelmäßig für Unterrichtsstunden oder mehrtägige Kurse anreist.
Irrtum #5: „Jeder Polospieler braucht 6 eigene Pferde“
Dieses Vorurteil hält sich besonders hartnäckig, und es kann auch stimmen: Wenn man eine Karriere als Profispieler anstrebt. Schließlich bestreiten Ludger Beerbaum oder Isabell Werth die vielen Turniere und Prüfungen auch nicht mit nur einem Pferd. Wem Polo als Hobby nicht ausreicht und wer während der Polosaison von Mai bis September regelmäßig an den Wochenenden Turniere spielen möchte, der benötigt mindestens vier Pferde. Das Regelwerk gibt vor, dass ein Polopony in einem Turnierspiel nur ein Chukka gehen darf – da ein Match aus vier Chukka besteht bedeutet das also, dass man für jeden der vier Spielabschnitte ein Pferd benötigt. Die Investitionskosten für den Turniersport sind dementsprechend höher als im Freizeitsport. Neben der Anschaffung der Pferde kommen die höheren Haltungskosten hinzu, die Kosten für den Transport zu den Turnieren und für die Unterbringung der Pferde vor Ort. Dieses Problem, wenn man es als solches bezeichnen möchte, gilt für alle Reiter, die ehrgeizige sportliche Ziele verfolgen. So ist zum Beispiel der Preis für ein Dressurpferd, mit dem man auf L- oder M-Dressurniveau sportliche Wettkämpfe bestreiten kann, deutlich höher als für einen Haflinger, mit dem man gemütlich durchs Gelände bummeln kann. Um ab einer gewissen Leistungsklasse mitreiten zu können muss man schon Mal 20.000 Euro für ein entsprechendes Dressur- oder Springpferd hinlegen. Für
den Polosport gilt, was für alle Reitsportdisziplinen und jegliche Form des Leistungssport gilt: Je höher die angestrebten sportlichen Ziele, umso tiefer muss man in die Tasche greifen.
Irrtum #6: „Polospieler werden von Sponsoren reich gemacht“
Diese Behauptung löst bei Polospielern entweder schallendes Gelächter oder Frustration aus – sie ist nämlich schlichtweg falsch. Polospieler, die Sponsorengelder erhalten sind in Deutschland eine echte Rarität. Bekannt ist, dass Christopher Kirsch als einer der besten deutschen Spieler als Testemonial für den Uhrenhersteller Rolex agiert. Bis auf ein oder zwei Spieler, die ihren Pferdetransporter als Werbefläche vermieten, war es das dann auch schon – wobei von Sportsponsoring in diesem Fall kaum die Rede sein kann. Tatsächlich gibt es im Polosport Banken, Vermögensberatungen, Champagnerhersteller, Immobilienmakler oder Modehäuser, die als Sponsoren auftreten. Diese Firmen sponsern allerdings die Veranstaltungen und nicht die Teams oder einzelne Spieler. Dafür erhalten Sie entweder das Titelsponsoring (das Turnier trägt den Namen des Sponsors) oder ein Team, deren Spieler das Firmenlogo auf den Shirts trägt und können die Veranstaltung nutzen, um Kunden einzuladen. Je nachdem wie umfangreich das Sponsoring ist, ist die Anzahl der Gäste, die die Sponsoren in das VIP-Zelt einladen können. Möglich ist auch das Sponsoring in Form von Sachwerten, wie beispielsweise der Ausschank von Champagner, Bier oder Weinen im VIP-Zelt. Für die Teilnahme am Turnier müssen die Spieler in die Tasche greifen. Meist gibt es einen so genannten Patron, der einen Großteil der Kosten für die Unterbringung der Grooms und Pferde seiner Mitspieler trägt und in manchen Fällen sogar Teile des Nenngeldes, das jeder Spieler an den Veranstalter zu entrichten hat. Welches Firmenlogo die Teams während des Turniers tragen, entscheidet entweder der Veranstalter oder es wird ausgelost. Konkret heißt dass, das das Poloteam A zwar für die Firma A spielt – dafür allerdings von Firma A kein Geld bekommt. Die Sponsorengelder braucht der Veranstalter, um die Kosten für das Turnier zu decken. Das reicht von der Präparation des Platzes über die Kosten für Zelte, Bestuhlung, Blumenschmuck, den Druck von Programmheften und Eintrittskarten bis zu den Kosten für die Schiedsrichter, den Tierarzt und weiteres Personal. Je nach Größe des Turniers können sich diese Kosten auf mehr als 100.000 Euro belaufen. Neue Wege gehen Dass der Chef des Modelabels Tom Tailor, Uwe Schröder 2004 mit dem Polospielen begonnen hat, ist ein großes Glück für den Sport. Als Modehaus wäre es naheliegend gewesen, dass Tom Tailor den Polosport vor allem für die Vermarktung einer eigenen Polokollektion nutzt – derzeit finden gebrandete Polo-Teamshirts wie beispielsweise von LaMartina reißenden Absatz. Uwe Schröder liegt die Förderung des Polosports in Deutschland jedoch mehr am Herzen als seine kommerzielle Ausschlachtung. Deshalb hat Tom Tailor als erster Sponsor ein eigenes Team mit festen Spielern gegründet. „Wir wollen nicht einfach auf die Trendsportart Polo setzen und diese zur Vermarktung nutzen. Uns geht es, wenn wir Polo als Vermarktungsplattform nutzen, um Authentizität. Diese können wir nur vermitteln, wenn wir tatsächlich den Sport fördern. Das schaffen wir, indem wir ein eigenens Team fördern und indem wir gleichzeitig mit unserer Tom Tailor-Lounge, in die wir Gäste einladen, den Sport für ein neues und jüngeres Publikum interessant machen“, so Uwe Schröder. Das Konzept funktioniert: Kein anderes Team hat in der vergangenen Saison eine so starke Fangemeinde wie das Tom Tailor-Team besessen und die Lounge hat das Gesicht der Turniere verändert – die stylishe Lounge mit großen Sitzkissen, Liegestühlen und DJ hat in der Tat geholfen, eine neues Publikum auf den Poloplatz zu bringen.
Irrtum #7: „Im Polo kümmert man sich nicht um die Nachwuchsförderung“
Bei diesem Vorurteil sträuben sich bei Dr. Ingeborg Schwenger-Holst die Nackenhaare – sie weiß es schließich besser. Seit 2003 organisiert die Polospielerin und Präsidentin des Berliner Poloclubs jedes Jahr ein Polo-Jugendcamp. Seit 2004 wird im Rahmen des Workshops für Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene zwischen zehn und 20 Jahren parallel die Deutsche Polo-Jugendmeisterschaft ausgetragen. „Mit 30 bis 40 Teilnehmern pro Camp wissen wir, dass es talentierte Nachwuchsspieler in Deutschland gibt. Und weil wir wissen, dass nicht alle Eltern selbst reiten oder Polo spielen, geschweige denn eigene Pferde besitzen, habe ich das Jugendcamp ins Leben gerufen“, erzählt Dr. Ingeborg Schwenger-Holst. Im Jugendcamp geht es nicht nur darum, das Spiel zu erlernen. Auf dem fünftägige Programm stehen neben Übungs-Chukkas, Stick und Ball, Spieltaktik und Schlagtechnik, Regel- und Veterinärkunde sowie die Geschichte des Polosports. „Wir wollen bei den Jugendlichen ein Gefühl für Horsemanship wecken. Es ist wichtig, dass die jungen Spieler lernen, das Wesen des Pferdes zu verstehen und in der Lage sind, es selbstständig zu versorgen und darauf zu achten, dass es fair zugeht“, so die Initiatorin. Deshalb unterrichten qualifizierte Trainer den Nachwuchs. In diesem Jahr begleiten Frank Last, Elke Erhard und Christopher Kiesel (HPA-Instructor) die Jugendlichen, die am Ende nicht nur die Platzreife oder den Schiedsrichtergrad C, sondern auch das deutsche Jugend-Polo-Abzeichen in Bronze, Silber oder Gold erwerben können. Das Coaching für die anschließende Deutsche Jugendmeisterschaft übernimmt der Sechs-Goaler Alejandro Silva Varela aus Uruguay. „Am Camp können Kinder und Jugendliche mit oder ohne Vorkennnisse teilnehmen. Die Gruppe wird entsprechend des Könnens der Teilnehmer aufgeteilt, so dass jeder individuell betreut werden kann. Pferde können wir ebenfalls zur Verfügung stellen“, sagt Dr. Ingeborg Schwenger-Holst. Die Nachwuchsförderung ist im Polosport also schon länger ein Thema und neben dem Polo-Jugendcamp in Berlin findet in diesem Jahr ein Jugendcamp am Chiemsee sowie die 4. Internationale Deutsche Polo Jugendmeisterschaft und die erste Deutsche Polo Kids Trophy (für Kinder zwischen neun und 14 Jahren) in Berlin-Brandenburg statt.
Irrtum #8: „Polospieler wollen unter ihresgleichen bleiben“
Die Hemmschwelle, am Wochenende ein Poloturnier zu besuchen, ist zuweilen hoch. Noch immer denken viele Menschen, dass man im Sonntagsstaat erscheinen muss – Frauen im Kostüm und mit Hut und die Männer im Anzug. Das ist, um es lax auszudrücken, totaler Blödsinn. Wilde Hutkreationen gehören auf die Rennbahn und am besten eignet sich halbwegs festes Schuhwerk – schließlich ist man in den Pausen aufgefordert, die herausgeritten Grassoden beim so genannten Tritt-In auf dem Poloplatz wieder einzutreten. Es gibt viele Möglichkeiten, den Tag auf dem Turnierplatz zu verbringen: Wer sich gern schick anzieht und einen Polotag bei hervorragendem Essen und Champagner genießen möchte, dem steht das VIP-Zelt offen. Ein Ticket inklusive Eintritt, Essen und Trinken kostet zwischen 100 und 220 Euro. Für circa zehn Euro Eintritt kann man die Polospiele entweder vom Clubhaus aus verfolgen (beispielsweise im Hamburger Poloclub) oder es sich ganz einfach mit einer Decke und einem Picknickkorb auf dem Rasen gemütlich machen (wie es in England üblich ist). Bratwurst, Pommes, Spanferkel, Eis, Bier oder Limonade kosten hier auch nicht mehr als auf anderen Sportveranstaltungen. Über viele Zuschauer freut sich nicht nur der Veranstalter, dessen Sponsoren es erfreut, wenn das Turnier viel Publikum anlockt, sondern auch die Spieler. Schließlich macht es viel mehr Spaß vor einem großen Publikum zu spielen, das vor allem kommt, um guten Sport zu sehen. Polospieler sind da nicht weniger eitel als andere Reiter. Außerdem freut sich jeder Spieler über das Interesse an seiner Sportart und die Ponyline, an der die Polopferde während des Turniers angebunden sind, ist für alle Zuschauer zugänglich. Hier kann man die Spieler und ihre Pferde hautnah erleben, Fragen stellen und mit den Profis plaudern. Polospieler sind auch nur Menschen – wer hätte das gedacht?
Irrtum #9: „Ein Polopferd ist ein reines Sportgerät“
Da stehen Sie, die armen Ponys. Nebeneinander angebunden an der Ponyline und warten. Das Warten ist ein Schicksal, das jedes Sportpferd ereilt. Einige stehen während des Turnierwochenendes, besonders im Sommer, in aufgeheizten Stallzelten, andere verweilen zwischen den Prüfungen stundenlang auf dem Pferdehänger und das Polopferd steht an der Ponyline. Erstaunlicherweise regt diese Art der Unterbringung viele Tierschützer besonders auf. Warum es weniger artgerecht sein soll als die anderen Formen des Warten, ist ein Rätsel. Die meisten Polospieler lassen ihre Pferde circa eine Stunde vor Spielbeginn zum Turnierplatz bringen. Kurz vor Spielbeginn werden die Pferde gesattelt und getrenst an der Ponyline angebunden, an der die Grooms ihr Headquater haben – es sind also immer Menschen in direkter Nähe der Pferde. Sobald das erste Chukka beendet ist, übernimmt der Groom das Pferd des Spielers und übergibt ihm ein zweites Pferd, das er in der Zwischenzeit warm geritten hat. Während er das nächste Pferd warm reitet, wird das Pferd aus dem ersten Chukka an der Hand mitgeführt, damit es trocknet und sich der Puls normalisiert. So geht das bis zum Ende des vierten Chukka. Anschließend werden die Pferde wieder aufgeladen und direkt nach dem Spiel zurück in den Stall gebracht. Maximal sind die Polopferde zwei Stunden auf dem Turniergelände, während andere Pferde oft stundenlang zwischen den Prüfungen auf dem Hänger stehen (inklusive An- und Abreise) oder schlimmer noch: Auf einer Pferdemesse in einer kleinen Box inmitten hunderter Messebesucher in der stickigen Halle stehen. Polospielern wird nachgesagt, da sie in der Regel einen Pferdepfleger beschäftigen, sie seien keine echte „Horse-men“ und lassen sich die Pferde wie ein Sportgerät von fremder Hand reichen. Wie lieb man sein Pferd hat, mag anhand unterschiedlicher Parameter gemessen werden–diese Art und Weise die Pferde während des Turniereinsatzes zu betreuen ist mit Sicherheit pferdefreundlicher als andere. Ob ein Spieler eine Beziehung zu seinem Pferd hat zeigt sich, wie in allen Disziplinen daran, wie gut sie als Team auf dem Platz harmonieren. Das hängt widerum davon ab, wie intensiv der Spieler mit seinen Pferden trainiert. Um als Polospieler erfolgreich zu sein, muss das Pferd als Partner betrachtet werden – das hat sich auch in Polokreisen schon herumgesprochen.
Irrtum #10: „Beim Polo trinken alle ständig Champagner“
Ja, es stimmt. Auf Poloturnieren wird Champagner getrunken. Und Bier, Wein, Prosecco (pur oder auf Eis), Zitronenlimonade, Orangensaft, Apfelschorle, Mineralwasser, Latte Macchiato, Espresso und Tee. Manche Spieler trinken zwischen den Spielabschnitten auch isotonische Getränke. Poloturniere sind gesellschaftliche Events, da die Sponsoren ihre Kunden einladen. Das Sponsoring ist keine altruistische Maßnahme zur selbstlosen Förderung des Sports. Hier geht es ums Geschäft. Der Polosport ist traditionell die Plattform hochkarätiger Sponsoren, deren Kundenklientel in der Regel weder Trinkflasche noch Butterbrote mitbringt. Zur Pflege der Kunden gehört, diesen einen möglichst schönen Tag zu bereiten und dazu gehört auch das ein oder andere Gläschen Champagner – das die Gäste übrigens freiwillig trinken. Sobald die Sponsoren ihre Gäste verabschieden, was meist zwischen 18 und 19 Uhr der Fall ist, bleibt die Champagnerbar im VIP-Zelt geöffnet – allerdings werden die Gläser mit dem Prickelwasser dann knallhart abgerechnet. Das Posing mit Champagnerflasche gehört für die Spieler ebenso zum guten Ton, wie das Bierglas heben ohne das Logo zu verdecken auf der Pressekonferenz nach dem Hamburger Derby. Die Polospielerdichte nach dem Spiel ist am Bierstand übrigens dichter als an der Champagnerbar.








Andreas Kemper
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Andreas Kemper